ODE AN MEIN LESETAGEBUCH

Gebraucht sehen meine Bücher aus, wenn ich sie gelesen habe. Ich knicke Seiten, markiere Zeilen, schreibe etwas hinein…ich bin da wirklich nicht sehr pingelig im Umgang mit ihnen. Ich habe ein Faible für gebrauchte Bücher und man darf ihnen dies auch gerne ansehen. Bücher müssen für mich nicht schön dekorativ die Regale schmücken, sondern man kann gerne an ihnen ablesen, dass mit ihnen bereits gearbeitet worden ist, dass sie gelesen worden sind und vielleicht auch durch unterschiedliche Hände gewandert sind – begleitet mit ganz unterschiedlichen Emotionen. 

Während des Lesens steht mir dann immer noch ein Notizheftchen zur Seite, dass nicht weniger bekritzelt – kreuz und quer- und mitgenommen aussieht. Hier trage ich größere Gedanken, Fragen, Zitate und Meinungen zu dem Gelesenen ein. Schlussendlich ergibt sich aus diesem ganzen Sammelbecken meine endgültige Rezension zu einem gelesenen Buch, die ich dann veröffentliche und zudem auch ganz privat in mein Lesetagebuch eintrage.

Begonnen mit einem Lesetagebuch habe ich im Januar 2015. Das damalige Ziel bestand vor allem darin, dass ich gerne schöne Zitate aus Büchern notieren und festhalten wollte. Mit der Zeit hat sich dies aber immer weiter ausgedehnt, sodass ich mittlerweile neben Zitaten auch meine ganz eigenen persönlichen Gedanken zu einem Buch hineinschreibe oder Erinnerungen dazu, die ich damit verbinde. Also praktisch sind sie wie ein Poesiealbum, in das sich jedes Buch eintragen darf. 

Für mich ist es immer wieder sehr spannend, mal durch ein älteres Lesetagebuch zu blättern und zu schauen, was ich so gelesen habe, wie ich es empfunden habe und ob ich es heute auch genauso sehe. Diese Lesetagebücher halten nämlich nicht nur fest, wann ich welches Werk gelesen habe, sondern auch, wie ich mich ganz persönlich als Leserin entwickelt habe. Es gab Genres, die ich zu einem bestimmten Zeitpunkt sehr begeistert haben – genauso wie Autoren oder Bücher, die ich mir heute nicht mehr kaufen würde. 

Mittlerweile sind mir ganz andere Aspekte an Geschichten, Erzählstil oder Figuren wichtig geworden als vor einigen Jahren. Ich habe gemerkt, dass ich wohl einen Hang zu französischen Romanen entwickelt habe und zu ländlichen Milieus. Fantasygeschichten sind dafür immer weniger bei mir in das Regal eingezogen, dafür aber wieder vermehrt nostalgische Kinderliteratur. 

 Und in sechs Jahren wird es wahrscheinlich noch wieder anders sein...ich bin gespannt. 

FUNDSTÜCKE (1)

Hier auf meinem Blog möchte ich gerne eine Kategorie einführen, die ich „FUNDSTÜCKE“ nennen werde und die mir sehr am Herzen liegt. Ich mag gebrauchte Bücher. Das tatsächlich weniger aus den Gründen kostengünstiger und schonend für die Umwelt, sondern vielmehr aufgrund ihrer ganz speziellen Aura, die sie verströmen. Gebrauchte Literatur weist nämlich neben ihrer eigentlichen Geschichte, die sich abgedruckt auf ihren Seiten befindet, auch immer ihre ganz eigene Lebensgeschichte auf. Diese kann sich auf unterschiedliche Weisen präsentieren und ich freue mich immer, wenn ich etwas entdecken und in Ehren halten kann.

Zumeist lassen sich geknickte Seiten oder Kaffeeflecke finden, eingetragene Namen oder Stempel von Buchhandlungen. Daneben aber ergeben sich immer wieder sehr schöne Funde wie etwa Widmungen, vergessene Dinge zwischen den Buchseiten oder ganz eigene Kuriositäten.

In „FUNDSTÜCKE“ möchte ich euch genau durch dieses Sammelsurium, das sich nach und nach bei mir angehäuft hat, mitnehmen und euch das ein oder andere daraus vorstellen.

Beginnen dabei möchte ich heute mit einem Buch, das mir eh sehr viel bedeutet von einer Autorin 1933 geschrieben, die ich sehr liebe: Mascha Kaléko und ihr „Das lyrische Stenogrammheft“.

Auf Seite 57 meiner Ausgabe befindet sich das Gedicht Einmal sollte man…

Einmal sollte man seine Siebensachen
Fortrollen aus diesen glatten Geleisen.
Man müsste sich aus dem Staube machen
Und früh am Morgen unbekannt verreisen.


Man sollte nicht mehr pünktlich wie bisher
Um acht Uhr zehn den Omnibus besteigen.
Man müsste sich zu Baum und Gräsern neigen,
Als ob das immer so gewesen wär.


Man sollte sich nie mehr mit Konferenzen,
Prozenten oder Aktenstaub befassen.
Man müsste Konfession und Stand verlassen
Und eines schönen Tags das Leben schwänzen.


Es gibt beinahe überall Natur,
– Man darf sich nur nicht sehr um sie bemühen –
Und soviel Wiesen, die trotz Sonntagstour
Auch werktags unbekümmert weiterblühen.


Man trabt so traurig mit in diesem Trott.
Die anderen aber finden, dass man müsste…
Es ist fast, als stünd‘ man beim lieben Gott
Allein auf der schwarzen Liste.


Man zog einst ein Lebenslos „zweiter Wahl“.
Die Weckeruhr rasselt. Der Plan wird verschoben.
Behutsam verpackt man sein kleines Ideal.
Einmal aber sollte man… (Siehe oben!)

An der rot markierten Stelle befindet sich eine Überklebung. Ein dünner Streifen Papier, vermutlich mit der Schreibmaschine geschrieben und mit zwei Tesastreifen festgeklebt, auf dem folgende Worte nun Mascha Kalékos Gedicht „neu“ schreiben: „Um zehn vor acht in die Schule schreiten“.

Wahrscheinlich hat also diese Ausgabe einmal einen Schüler oder einer Schülerin gehört und vielleicht – und diesen Gedanken finde ich besonders schön- war dieses Büchlein sogar mal eine Schullektüre. Was auch immer die genaue Intention für diese „Überschreibung“ war, so finde ich sie nach wie vor recht amüsant und herzerwärmend, sodass ich es nie entfernt habe, denn einmal sollte man vielleicht nicht…

Wie sieht es mit euch aus? Gebrauchte Bücher ja oder nein? Und auch schon mal was in Büchern gefunden?

Wer sich gerne meine generelle Rezension zu „Das Lyrische Stenogrammheft“ anschauen möchte, kann das hier auf Instagram machen:

Generell kann ich dieses Büchlein wirklich nur empfehlen!

Lesetagebuch: Dörte Hansen-Mittagsstunde

Zeitraum: 09.07. – 16.07.2021

Verlag: Penguin, 319 Seiten (#unbezahlte Werbung)

Vorbemerkungen:

Dörte Hansens Roman “Altes Land” habe ich im Juli 2020 gelesen und sehr gemocht. So war für mich recht schnell klar, dass ich auch ihren Roman “Mittagsstunde” definitiv lesen möchte und bin somit im Vorfeld sehr gespannt darauf gewesen, gerade weil sich in vielen Rezensionen lesen lässt, dass “Mittagsstunde” noch besser empfunden wird als sein Vorgängerroman. 

Leseverlauf

  1. Freitag, 09.07.2021

Meine erneute Reise in die Landschaft rund ums alte Land beginnt um 16:40 auf einer Zugfahrt im Regionalexpress von Hamm nach Aachen. Zielbahnhof ist für mich an diesem Tag Köln und somit liegen etwa 90 Minuten Fahrt vor mir. Das Buch wird aufgeschlagen kurz bevor ich im Dortmunder HBF einfahre. Etwa zwei Stunden später habe ich mein Ziel erreicht. Hinter mir liegen nicht nur das Ruhrgebiet, Düsseldorf und zahlreiche Passagiere mit ihren Reisekoffern, sondern auch etwa 76 Seiten und damit die ersten fünf Kapitel des Romans. Der Einstieg hat mich wieder sehr begeistert und mich daran erinnert, warum mir vor einem Jahr “Altes Land” der Autorin schon so sehr gefiel: Skurrile Charaktere in einem Dorf. Es wird ruhig erzählt, aber bildlich beschrieben, sodass mir schnell alles vor Augen erscheint. Dennoch bleibt nach der Zugfahrt das Gefühl zurück, nicht gut mit dem Lesen vorangekommen zu sein. Lag nicht am Roman, sondern an meiner Umgebung. Ich merke, dass ich mich erst wieder daran gewöhnen muss in einer lauteren Atmosphäre zu lesen. Was mir vor Corona überhaupt keine Mühe bereitete und ich teilweise sogar sehr genoss, legt mich nun etwas im Lesefluss lahm. Also muss ich diese Art von Lesen wohl wieder neu erlernen. Auch eine spannende Erkenntnis. 

  1. Sonntag, 11.07.2021

Das gleiche Spiel nun aber Rückwärts. Einstieg am Abend in einen überfüllten Zug nach Hamm. Nach Hauptbahnhof Düsseldorf endlich einen geeigneten Leseplatz gefunden und Buch sofort aufgeschlagen. Geschafft habe ich zwei weitere Kapitel. Das beschriebene Dorfleben, sowohl seine Vergangenheit wie Gegenwart, und die Familiengeschichte rund um Ingwer Feddersen zieht mich immer mehr rein. Ich mag, dass Dörte Hansen das Landleben ganz ohne Kitsch und Klischees beschreibt.

  1. Montag, 12.07.2021

Die Uhranzeige auf meinem Smartphone zeigt 23:05 Uhr. Ich tauche immer mehr, Stück für Stück, in die Welt des alten Gasthofes und die Ereignisse der letzten Jahrzehnte, die sich im Dorf und bei dessen Bewohnern abgespielt haben, ein. 45 Minuten, 30 Seiten und 2 Kapitel später darf der Roman seine Nachtruhe neben mir halten. Auf dem weißen Tischchen neben dem Bett.

  1. Mittwoch, 14.07.2021

Dicke Regentropfen prasseln gegen die Fensterscheibe. Herbst im Juli. Langsam merke ich, dass die gestrige Impfe mich dann doch nicht komplett verschont. Mit dem Roman ziehe ich mich in mein Bett zurück. Ich habe es schon immer geliebt zu lesen, während es draußen regnet. Los geht es mit Kapitel 10 des Romans. Nach rund der Hälfte des Buches stelle ich fest, dass ich zwar sehr mag, dass die Kapitel sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart abwechseln, mir aber momentan dann doch die Kapitel mit Vergangenheitsbezug besser gefallen. Insgesamt war es ein guter Lesetag: 100 Seiten geschafft. 

  1. Donnerstag, 15.07.2021

Endspurt mit “Mittagsstunde”. Die letzten rund 75 Seiten warten heute auf mich. Nach und nach setzen sich alle Bilder zusammen. Die Geschichten der Brinkebüller finden langsam ihr Ende. 

Fazit

Wie “Altes Land” hat mir “Mittagsstunde” sehr gut gefallen und gesellt sich bestimmt zu meinen Jahreshighlights. Ich denke sogar, dass mir dieser ROman noch ein Stückchen besser gefallen hat als “Altes Land”. “Mittagsstunde” wird noch unaufgeregte erzählt, aber die Portion zwischen Komik und Melancholie haben für mich absolut gestimmt, sodass mich die Geschichte rund um Brinkerbüll, dem Gasthof und Ingwer Feddersen noch mehr berührt haben. Ich hoffe jetzt schon, dass Dörte Hansen bald einen neuen Roman veröffentlichen wird. 

„Der Wind war immer noch der alte. Er schliff die Steine ab und knickte Bäume, beugte Rücken. Auch diesem alten Wind war es egal, was Menschen taten, ob sie blieben oder weiterwanderten.“ (Seite 319)

Seitenknick im neuen Gewand

Lange habe ich immer wieder über die folgenden Worte nachgedacht, Sätze in meinem Kopf formuliert und dennoch bin ich nicht ganz zufrieden damit. Versuchen werde ich es trotzdem, meine Gedanken hier aufs “Papier” zu bringen.

In den letzten Wochen, eher Monaten, habe ich mich mit der Frage auseinandergesetzt, inwieweit es mit meinem kleinen Blog weitergehen und ob ich überhaupt noch weiter an ihm arbeiten soll. Es lag auch ganz klar an zeitlichen Gründen, dass ich mich nicht dazu aufraffen konnte, diese Seite zu füttern und zu pflegen. Aber eben vor allem hatte ich mit einem riesigen Motivationsloch meinerseits zu kämpfen. 

Ich bin davon überzeugt, dass ein Blog an erster Stelle einfach eins machen sollte: nämlich Spaß! Und genau dieser Spaß ist bei mir irgendwo und irgendwann verloren gegangen. Ich war mir lange nicht bewusst, ob es an dem Projekt Blog generell liegt oder einfach weil ich mit meinem Inhalt unzufrieden bin. Nach langer Auseinandersetzung denke ich, dass der zweite Fall vorliegt. 

Ich bin wirklich ein Fan von vielen Buchrezensionen, mit denen sich viele begeisterte Leser und Leserinnen unglaubliche Mühe machen, und lese sie immer wieder gerne durch. Für mich habe ich aber einfach festgestellt, dass ich das zwar auch gerne mache, aber dass mir die kleinere Version auf Instagram (https://www.instagram.com/seitenknick/) da tatsächlich ausreicht. Über den social media Kanal kommt man einfach viel schneller in Austausch und Kontakt über das jeweilige Werk und oft hat sich dann ein weiterer Beitrag hier auf dem Blog etwas doppelt gemoppelt für mich angefühlt…

…von Anfang an wollte ich mit dem Blog eigentlich eher etwas anderes zu meinem Instagram-Account machen, habe aber diese Richtung aus den Augen verloren. 

Mir geht es hier vielmehr darum, dass Lesen, Bücher und Literatur zu feiern und zu zelebrieren, also tanzend durch die Buchseiten. Natürlich werden hier auch weiter immer wieder einzelne Werke spezieller betrachtet werden, aber Rezensionen im Allgemeinen sollen eher weniger im Fokus dieses Blogs stehen. 

Ich würde mich sehr freuen, wenn mich weiterhin einige von euch hier auf diesem (neuen) Weg begleiten würden. 

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