Jane Austen: Fanny Price – das Aschenputtel von Mansfield Park?

„Mansfield Park“ ist der dritte Roman (von insgesamt sechs) der Autorin und wurde 1814 veröffentlicht. Zugleich war er auch mein dritter Roman, den ich von Jane Austen gelesen habe – nach „Stolz und Vorurteil“ (1813) sowie „Überredung“ (1818).

„Mansfield Park“ bedient sich an der typischen Jane-Austen-Palette: Detaillierte Beschreibungen von Landschaft und Gesellschaftsleben, ausführliche Charakterstudien und lange Dialoge, die zwischen den Figuren stattfinden. Aber der Roman kramt auch in seinem ganz eigenen Farbsortiment. Fanny Price, deren Geschichte erzählt wird, hebt sich ab von den Hauptprotagonistinnen, die ich bis jetzt bei der britischen Autorin kennenlernen durfte. Fanny ist keine Tochter aus gutem Hause, sondern kommt mit jungen Jahren in das prachtvolle Haus ihres Onkels. Fanny muss nicht aus ihren Fehlern lernen und diese bereuen, bevor sie ihr Happy End findet. Fanny muss sich selbst treu bleiben, an ihrer unglücklichen Liebe zu ihrem Vetter Edmund festhalten, viele Hürden überwinden und sich nicht von den oberflächlichen Ansichten ihrer Verwandten beirren lassen.

Der folgende Beitrag ist absolut nicht als Kritik zu verstehen, denn der Roman mit seiner Grundkonstellation hat mir sehr gut gefallen und die Charaktere haben mich (allen voran Mrs Norris) bestens unterhalten. Aber auf eine gewisse Art lässt mich das Ende nicht los und ich denke immer noch darüber nach, sodass ich gerne darüber schreiben möchte.

In meiner Ausgabe (von Reclam) befindet sich im Anhang ein Nachwort von Christian Grawe, der dort einen kurzen Begriff erwähnt – nämlich das bekannte Märchen des Aschenputtels. Ich finde, dass Fanny Price schon Grundzüge des Aschenputtels aufweist, auch wenn ich nicht gerade finde, dass sie ein märchenhaftes Happy End bekommt. Und da liegt für mich der Knackpunt und der Auslöser für diesen Beitrag.

Aber von Anfang an…

Fanny Price kommt mit jungen Jahren nach Mansfield Park, dem Anwesen ihres reichen Onkels. Da ihre Familie eher mittellos ist, bekommt Fanny die Möglichkeit, bei ihren Verwandten ein ganz anderes Leben zu führen. Weit entfernt von daheim, begegnen ihr die Bewohner in Mansfield Park eher mit Strenge und Kühle, beachten sie entweder kaum oder schauen auf sie von oben herab.  Angeführt durch ihre Tante Mrs Norris („Die böse Stiefmutter“), die nicht müde wird zu betonen, wie dankbar Fanny für alles sein muss, wird Fanny häufig wie eine Art Dienerin behandelt. Die beiden Cousinen Maria und Julia bilden die „bösen Stiefschwestern“ im Ensemble, die eitel und verwöhnt sind. Für Fanny bleibt die Einführung in die Gesellschaft zunächst verschlossen – die Bälle finden ohne sie statt.

Mit der Zeit taucht der vermeintliche „Traumprinz“ Henry Crawford auf mitsamt seiner schönen Schwester Mary. Schnell geraten die beiden „bösen Stiefschwestern“ in einen Wettstreit um die Gunst des „Prinzen“, über den sich alle Familienmitglieder in den höchsten Tönen aussprechen. Dennoch ist es Fanny, die später die ganze Aufmerksamkeit des „Prinzen“ auf sich zieht und einen Heiratsantrag von ihm bekommt. Jedoch erkennt Fanny als Einzige in der Familie, dass es sich bei dem „Prinzen“ um einen „Frosch“ handelt. Sie erkennt seinen Charakter, lehnt seine Avancen ab und hält sich an ihrer Liebe zu Edmund fest.

Daraus erfolgt, dass Fanny eigentlich zum doppelten Aschenputtel wird. Weggeschickt zu ihrer richtigen Familie, bemerkt sie, dass ihr Vater, Mutter und die meisten Geschwister fremd sind. Sie fühlt sich unwohl in der armen Atmosphäre ihres Elternhauses und muss gleichzeitig darum bangen, dass ihr eigentlicher Märchenprinz Edmund die schöne Mary Crawford ehelicht. Wieder muss Fanny durch seelische Nöte hindurch und über Hürden springen, bis Edmund erkennt, dass der „moralische Schuh“ nicht recht Miss Crawford zu passen scheint, er Fanny mit der Kutsche aus dem Elend befreit und zurück zum „Schloss“ Mansfield Park bringt. Dort stellt er sehr schnell fest, dass der „Schuh“ seiner Cousine ganz vorzüglich passt und Fanny bekommt ihr Happy End: Die Ehe mit Edmund.

Das „Aschenputtel“ hat sein Happy End. Aber hat es das wirklich?

Das Zusammenkommen von Fanny und Edmund wird im letzten Kapitel des Romans geschildert, das eher wie ein Kommentar wirkt. Beide bekommen keinen intimen Dialog mehr, keinen leidenschaftlichen Austausch. Edmund beschließt, seine Cousine zu heiraten, fast in dem Moment, als er sich von Miss Crawford loseist.

So heißt es im letzten Kapitel: „[…] sie [Fanny] zu überreden, dass ihre herzliche und schwesterliche Zuneigung zu ihm [Edmund] eine ausreichende Basis für die eheliche Liebe sei.“

Für mich klingen die Beschreibungen viel mehr so, dass Edmund nicht aus der allergrößten Leidenschaft und Liebe Fanny heiratet, sondern es eher eine nahe liegende Lösung für ihn darstellt. Da er seine auserwählte Miss Crawford nicht mehr haben kann bzw. will, fällt ihm ein, dass er seine Cousine heiraten könnte. Es macht er den Anschein einer „Vernunftshochzeit“ als einer tatsächlichen „Liebeshochzeit“.

Aber hat Fanny am Ende nicht mehr verdient?

Die ganze Zeit im Roman ist es Fanny, die an ihrer Liebe zu Edmund treu festhält, sich nicht überreden lässt, auf den Antrag von Mr Crawford einzugehen, sich nicht von materiellen Dingen leiten lässt und es damit den anderen Damen des Romans gleichtut. Fanny bleibt beständig in ihrem tugendhaften Charakter und überwindet alle Prüfungen, die ihr auferlegt werden – ganz ohne die Hilfe einer guten Fee oder (weil gerade die Adventszeit beginnt) von drei magischen Haselnüssen. All diese Ansichten äußert Fanny sogar in einem Gespräch mit Edmund:

„Ich finde, man sollte es nicht für selbstverständlich halten, dass ein Mann jeder Frau, die er selbst zufällig leiden mag, auch gefallen muss.“ (Kapitel 35)

Die Figur des Romans, die die ganze Zeit auf eine ehrliche Liebe pocht, erhält in der Endabrechnung davon dann doch sehr wenig. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob dieses leise und stille Vorgehen nicht zu den beiden passt. Schließlich sind beide eher bescheiden, den moralischen, theologischen und tugendhaften Bereichen zugewandt. Edmund selbst wird zum Pfarrer. Fanny ist zudem meistens recht zurückhaltend in ihrem Charakter. Also passt das nicht dazu? Jein – finde ich. Denn Edmund ist durchaus in der Lage, eine gewisse Leidenschaft gegenüber Mary Crawford zu zeigen und Fannys Gedanken begleitet man in Roman, die gefüllt sind mit Verliebtsein und Eifersucht.

Wenn ich eine weibliche Figur habe, die für damalige Zeiten Ansichten äußert, die schon sehr emanzipiert sind, dann ist mir das am Ende doch zu wenig. Eine Frau, die in bestimmten Zügen ein Aschenputtel-Dasein hat, wird schlussendlich nicht richtig für ihre Mühen belohnt. Eine Frau, die nicht den Status und Reichtum im Blick hat, sondern aus Liebe heiraten will, darf doch auch final diese Liebe bekommen. 

Ich weiß nicht, ob ich das letzte Kapitel völlig falsch interpretiere und es genau so richtig ist. Jane Austen wird ihre Gründe dafür gehabt haben. Mich lässt es auch noch nach ein paar Tagen etwas ratlos zurück.

Wenn ihr den Roman kennt, was denkt ihr über das Ende?

ODE AN MEIN LESETAGEBUCH

Gebraucht sehen meine Bücher aus, wenn ich sie gelesen habe. Ich knicke Seiten, markiere Zeilen, schreibe etwas hinein…ich bin da wirklich nicht sehr pingelig im Umgang mit ihnen. Ich habe ein Faible für gebrauchte Bücher und man darf ihnen dies auch gerne ansehen. Bücher müssen für mich nicht schön dekorativ die Regale schmücken, sondern man kann gerne an ihnen ablesen, dass mit ihnen bereits gearbeitet worden ist, dass sie gelesen worden sind und vielleicht auch durch unterschiedliche Hände gewandert sind – begleitet mit ganz unterschiedlichen Emotionen. 

Während des Lesens steht mir dann immer noch ein Notizheftchen zur Seite, dass nicht weniger bekritzelt – kreuz und quer- und mitgenommen aussieht. Hier trage ich größere Gedanken, Fragen, Zitate und Meinungen zu dem Gelesenen ein. Schlussendlich ergibt sich aus diesem ganzen Sammelbecken meine endgültige Rezension zu einem gelesenen Buch, die ich dann veröffentliche und zudem auch ganz privat in mein Lesetagebuch eintrage.

Begonnen mit einem Lesetagebuch habe ich im Januar 2015. Das damalige Ziel bestand vor allem darin, dass ich gerne schöne Zitate aus Büchern notieren und festhalten wollte. Mit der Zeit hat sich dies aber immer weiter ausgedehnt, sodass ich mittlerweile neben Zitaten auch meine ganz eigenen persönlichen Gedanken zu einem Buch hineinschreibe oder Erinnerungen dazu, die ich damit verbinde. Also praktisch sind sie wie ein Poesiealbum, in das sich jedes Buch eintragen darf. 

Für mich ist es immer wieder sehr spannend, mal durch ein älteres Lesetagebuch zu blättern und zu schauen, was ich so gelesen habe, wie ich es empfunden habe und ob ich es heute auch genauso sehe. Diese Lesetagebücher halten nämlich nicht nur fest, wann ich welches Werk gelesen habe, sondern auch, wie ich mich ganz persönlich als Leserin entwickelt habe. Es gab Genres, die ich zu einem bestimmten Zeitpunkt sehr begeistert haben – genauso wie Autoren oder Bücher, die ich mir heute nicht mehr kaufen würde. 

Mittlerweile sind mir ganz andere Aspekte an Geschichten, Erzählstil oder Figuren wichtig geworden als vor einigen Jahren. Ich habe gemerkt, dass ich wohl einen Hang zu französischen Romanen entwickelt habe und zu ländlichen Milieus. Fantasygeschichten sind dafür immer weniger bei mir in das Regal eingezogen, dafür aber wieder vermehrt nostalgische Kinderliteratur. 

 Und in sechs Jahren wird es wahrscheinlich noch wieder anders sein...ich bin gespannt. 

FUNDSTÜCKE (1)

Hier auf meinem Blog möchte ich gerne eine Kategorie einführen, die ich „FUNDSTÜCKE“ nennen werde und die mir sehr am Herzen liegt. Ich mag gebrauchte Bücher. Das tatsächlich weniger aus den Gründen kostengünstiger und schonend für die Umwelt, sondern vielmehr aufgrund ihrer ganz speziellen Aura, die sie verströmen. Gebrauchte Literatur weist nämlich neben ihrer eigentlichen Geschichte, die sich abgedruckt auf ihren Seiten befindet, auch immer ihre ganz eigene Lebensgeschichte auf. Diese kann sich auf unterschiedliche Weisen präsentieren und ich freue mich immer, wenn ich etwas entdecken und in Ehren halten kann.

Zumeist lassen sich geknickte Seiten oder Kaffeeflecke finden, eingetragene Namen oder Stempel von Buchhandlungen. Daneben aber ergeben sich immer wieder sehr schöne Funde wie etwa Widmungen, vergessene Dinge zwischen den Buchseiten oder ganz eigene Kuriositäten.

In „FUNDSTÜCKE“ möchte ich euch genau durch dieses Sammelsurium, das sich nach und nach bei mir angehäuft hat, mitnehmen und euch das ein oder andere daraus vorstellen.

Beginnen dabei möchte ich heute mit einem Buch, das mir eh sehr viel bedeutet von einer Autorin 1933 geschrieben, die ich sehr liebe: Mascha Kaléko und ihr „Das lyrische Stenogrammheft“.

Auf Seite 57 meiner Ausgabe befindet sich das Gedicht Einmal sollte man…

Einmal sollte man seine Siebensachen
Fortrollen aus diesen glatten Geleisen.
Man müsste sich aus dem Staube machen
Und früh am Morgen unbekannt verreisen.


Man sollte nicht mehr pünktlich wie bisher
Um acht Uhr zehn den Omnibus besteigen.
Man müsste sich zu Baum und Gräsern neigen,
Als ob das immer so gewesen wär.


Man sollte sich nie mehr mit Konferenzen,
Prozenten oder Aktenstaub befassen.
Man müsste Konfession und Stand verlassen
Und eines schönen Tags das Leben schwänzen.


Es gibt beinahe überall Natur,
– Man darf sich nur nicht sehr um sie bemühen –
Und soviel Wiesen, die trotz Sonntagstour
Auch werktags unbekümmert weiterblühen.


Man trabt so traurig mit in diesem Trott.
Die anderen aber finden, dass man müsste…
Es ist fast, als stünd‘ man beim lieben Gott
Allein auf der schwarzen Liste.


Man zog einst ein Lebenslos „zweiter Wahl“.
Die Weckeruhr rasselt. Der Plan wird verschoben.
Behutsam verpackt man sein kleines Ideal.
Einmal aber sollte man… (Siehe oben!)

An der rot markierten Stelle befindet sich eine Überklebung. Ein dünner Streifen Papier, vermutlich mit der Schreibmaschine geschrieben und mit zwei Tesastreifen festgeklebt, auf dem folgende Worte nun Mascha Kalékos Gedicht „neu“ schreiben: „Um zehn vor acht in die Schule schreiten“.

Wahrscheinlich hat also diese Ausgabe einmal einen Schüler oder einer Schülerin gehört und vielleicht – und diesen Gedanken finde ich besonders schön- war dieses Büchlein sogar mal eine Schullektüre. Was auch immer die genaue Intention für diese „Überschreibung“ war, so finde ich sie nach wie vor recht amüsant und herzerwärmend, sodass ich es nie entfernt habe, denn einmal sollte man vielleicht nicht…

Wie sieht es mit euch aus? Gebrauchte Bücher ja oder nein? Und auch schon mal was in Büchern gefunden?

Wer sich gerne meine generelle Rezension zu „Das Lyrische Stenogrammheft“ anschauen möchte, kann das hier auf Instagram machen:

Generell kann ich dieses Büchlein wirklich nur empfehlen!

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