FUNDSTÜCKE (1)

Hier auf meinem Blog möchte ich gerne eine Kategorie einführen, die ich „FUNDSTÜCKE“ nennen werde und die mir sehr am Herzen liegt. Ich mag gebrauchte Bücher. Das tatsächlich weniger aus den Gründen kostengünstiger und schonend für die Umwelt, sondern vielmehr aufgrund ihrer ganz speziellen Aura, die sie verströmen. Gebrauchte Literatur weist nämlich neben ihrer eigentlichen Geschichte, die sich abgedruckt auf ihren Seiten befindet, auch immer ihre ganz eigene Lebensgeschichte auf. Diese kann sich auf unterschiedliche Weisen präsentieren und ich freue mich immer, wenn ich etwas entdecken und in Ehren halten kann.

Zumeist lassen sich geknickte Seiten oder Kaffeeflecke finden, eingetragene Namen oder Stempel von Buchhandlungen. Daneben aber ergeben sich immer wieder sehr schöne Funde wie etwa Widmungen, vergessene Dinge zwischen den Buchseiten oder ganz eigene Kuriositäten.

In „FUNDSTÜCKE“ möchte ich euch genau durch dieses Sammelsurium, das sich nach und nach bei mir angehäuft hat, mitnehmen und euch das ein oder andere daraus vorstellen.

Beginnen dabei möchte ich heute mit einem Buch, das mir eh sehr viel bedeutet von einer Autorin 1933 geschrieben, die ich sehr liebe: Mascha Kaléko und ihr „Das lyrische Stenogrammheft“.

Auf Seite 57 meiner Ausgabe befindet sich das Gedicht Einmal sollte man…

Einmal sollte man seine Siebensachen
Fortrollen aus diesen glatten Geleisen.
Man müsste sich aus dem Staube machen
Und früh am Morgen unbekannt verreisen.


Man sollte nicht mehr pünktlich wie bisher
Um acht Uhr zehn den Omnibus besteigen.
Man müsste sich zu Baum und Gräsern neigen,
Als ob das immer so gewesen wär.


Man sollte sich nie mehr mit Konferenzen,
Prozenten oder Aktenstaub befassen.
Man müsste Konfession und Stand verlassen
Und eines schönen Tags das Leben schwänzen.


Es gibt beinahe überall Natur,
– Man darf sich nur nicht sehr um sie bemühen –
Und soviel Wiesen, die trotz Sonntagstour
Auch werktags unbekümmert weiterblühen.


Man trabt so traurig mit in diesem Trott.
Die anderen aber finden, dass man müsste…
Es ist fast, als stünd‘ man beim lieben Gott
Allein auf der schwarzen Liste.


Man zog einst ein Lebenslos „zweiter Wahl“.
Die Weckeruhr rasselt. Der Plan wird verschoben.
Behutsam verpackt man sein kleines Ideal.
Einmal aber sollte man… (Siehe oben!)

An der rot markierten Stelle befindet sich eine Überklebung. Ein dünner Streifen Papier, vermutlich mit der Schreibmaschine geschrieben und mit zwei Tesastreifen festgeklebt, auf dem folgende Worte nun Mascha Kalékos Gedicht „neu“ schreiben: „Um zehn vor acht in die Schule schreiten“.

Wahrscheinlich hat also diese Ausgabe einmal einen Schüler oder einer Schülerin gehört und vielleicht – und diesen Gedanken finde ich besonders schön- war dieses Büchlein sogar mal eine Schullektüre. Was auch immer die genaue Intention für diese „Überschreibung“ war, so finde ich sie nach wie vor recht amüsant und herzerwärmend, sodass ich es nie entfernt habe, denn einmal sollte man vielleicht nicht…

Wie sieht es mit euch aus? Gebrauchte Bücher ja oder nein? Und auch schon mal was in Büchern gefunden?

Wer sich gerne meine generelle Rezension zu „Das Lyrische Stenogrammheft“ anschauen möchte, kann das hier auf Instagram machen:

Generell kann ich dieses Büchlein wirklich nur empfehlen!

Veröffentlicht von seitenknick

Ruhrpottmädchen. Zeilenverliebt. Lesend und schreibend unterwegs.

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