Hohen-Cremmen, Lübeck und Berlin. Rezension zu Gabiele Tergits „Effingers“.

„Ich werde eine Maske tragen, vielleicht viele Masken tragen. Wir spielen alle; wer es weiß ist klug.“

(Seite 329)

Heute vor 120 Jahren, am 26.02.1901, erschien Thomas Manns „Buddenbrooks“. Diesen Roman über den Aufstieg und Abstieg einer hanseatischen Kaufmannsfamilie bildet wohl den bekanntesten deutschen Gesellschaftsroman, für den Mann 1929 wiederum den Literaturnobelpreis gewann. Mann, nachdem er von seinem Verlag gebeten worden ist einen Roman zu verfassen, schrieb seine Familiengeschichte zwischen 1896 und 1900.

Zwei Jahre zuvor, zwischen 1894 und 1895, wurde ein anderer deutscher Gesellschaftsroman in sechs Folgen in der Deutschen Rundschau abgedruckt: Theodor Fontanes „Effi Briest“. Es ist wohl wahrscheinlich, dass sich Thomas Mann mit seinem Werk auf das Fontanes in leichter Weise anlehnte. Nicht nur dass die Veröffentlichungsjahre sehr nah beieinander liegen, sondern auch der Familienname Buddenbrook taucht bei Fontanes „Effi Briest“ in einer Randerscheinung auf. So heißt der Sekundant, der Major Crampas im Duell gegen Baron von Innstetten zur Seite steht, Buddenbrook. Beide Gesellschaftsromane haben sicherlich nicht nur in diesen Formalia einen gewissen Bezugspunkt, sondern auch in ihrer inhaltlichen und gestalterischen Konzeption.

Thomas Mann selbst schrieb am 25. Dezember 1919 im Berliner Tagblatt zum 100. Geburtstag Fontanes folgendes:

„Eine Romanbibliothek der rigorosesten Auswahl, und beschränkt man sie auf ein Dutzend Bände, auf zehn, auf sechs, – sie dürfte „Effi Briest“ nicht vermissen lassen.“

Ich persönlich finde diese zwei Romane einfach wunderbar und ich gebe stets eine Empfehlung für beide Werke ab. Für mich gehören tatsächlich beide Bücher in eine Bibliothek – sei sie noch so klein – hinein. Ich weiß, dass viele Leser mit dem Genre des Gesellschaftsromans nicht viel anfangen können und dieses oft als sehr langatmig, zäh und handlungsarm empfunden wird. Gerade zu Fontane hallen diese Stimmen sehr oft in meinem Umkreis wider. Für mich hingegen ist diese Art von Romanen einfach gestalterisch sowie literarisch wunderschön und kunstvoll gemacht:

Die Art und Weise wie ausführlich Landschaften, Orte, Personen oder gesellschaftliche Ereignisse beschrieben werden und wie hinter diesen Beschreibungen so viele Vorausdeutungen oder andere Zwischentöne repräsentiert werden. Wie diese Beschreibungen auch mal schnell einen kritischen oder amüsanten Unterton generieren können. Sie stellen ein Zeitbild dar – wie Menschen gedacht, empfunden, gelebt haben. Der Konflikt, der sich zwischen den gesellschaftlichen Konventionen und dem individuellen Glück der einzelnen Figuren ergibt und wie das Letztere (immer) den Pflichten zum Opfer fällt. Die bestimmten, speziellen Eigenarten und Charakteristika, die den Romanfiguren gegeben werden und die man immer wiedererkennt (mein ganz persönlicher Favorit ist da u.a. Sidonie von Grasenabb in „Effi Briest“).

Dementsprechend war ich umso gespannter als ich auf den Roman „Effingers“ von Gabriele Tergit aufmerksam wurde. Schon das Cover, das mit einem Zitat von Volker Weidermann, „Ein jüdischer Epochenroman zwischen Fontane und Thomas Mann (…) Sogstoff! Lesen! Wirklich!“, versehen ist, rief in mir sofort, dass ich dieses Buch unbedingt lesen muss.

Gabriele Tergit (1894-1982), eigentlich mit bürgerlichen Namen Elise Hirschmann, galt in der Weimarer Republik als einer der erfolgreichsten Schriftstellerinnen und Journalistinnen. Besonders wurde sie durch ihre Gerichtsreportagen bekannt. Als Jüdin floh sie vor dem NS-Regime ins Exil. Schon in den 30er Jahren begann sie die Arbeiten zu ihrem Familienroman „Effingers“. In diesem Roman lässt die Autorin viel von ihrer eigenen Familiengeschichte hineinfließen und beschreibt es später als ihr wichtigstes Werk. Mit dem vollendeten Roman tut man sich in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg jedoch sehr schwer eine Geschichte über eine jüdische Familie zu verlegen. Schließlich findet die Erstveröffentlichung im Jahre 1951 statt.

Aber ist diese Familienerzählung aus jüdischer und weiblicher Sicht nun wirklich mit Theodor Fontane oder Thomas Mann zu vergleichen? Und lässt sie sich dazwischen positionieren? Ich denke schon, auch wenn sie sich – wie ich finde – ganz anders liest.

Der Titel, der den Familiennamen trägt, erinnert natürlich sofort an Buddenbrooks. Unterhaltsam ist, dass Mann seine Familienchronik 1877 enden lässt und Tergit ihre wiederum ein Jahr später 1878 beginnt. Es geht um den Aufstieg und den Zerfall dreier jüdischer Familien: Effinger, Oppner, Goldschmidt, die durch Verheiratung miteinander verwoben werden. Die Familien scheitern nicht an ihren eigenen Fehlern, die sie dann gesellschaftlich gnadenlos herabstürzen lassen, sondern an dem Wandel der Zeit und final an dem Nationalsozialismus. Gewisse Romanfiguren ähneln gewiss ebenfalls an die Buddenbrooks. Gerade Sofie Oppner hat mich in ihrem Verhalten und ihren Männergeschichten doch sehr an die gute Antonie Buddenbrook erinnert.

Tergit nimmt den Leser mit über verschiedene Generationswechsel und Zeitumbrüche: Kaiserreich und industrieller Fortschritt, erster Weltkrieg und Weimarer Republik bis zur NS-Diktatur und der Deportierung der meisten Familienmitglieder. Dabei stellt sie hauptsächlich zwei Welten gegeneinander: das moderne, schnelle Berlin und das ländliche Kargsheim, aus dem die Familie Effinger stammt und wo die Zeit trotz aller weltlichen Veränderungen stehen zu bleiben scheint. Die Autorin beschreibt ausführlich und anschaulich das gesellschaftliche Leben der Familien und rückt ebenfalls immer wieder den Konflikt zwischen Individuum und familiärer Pflicht in den Vordergrund.

„Du genießt die Vorteile einer gehobenen Stellung, du hast auch ihre Verpflichtungen anzuerkennen. Diese Heirat wäre unweigerlich der Abstieg. So werden Familien kaputtgemacht, und so gehen alte Häuser zugrunde.“

(Seite 215)

Auch lässt sie immer wieder die jüdische Identität und Integration in die Geschichte miteinfließen. Anhand der verschiedenen Generationen und Zeiten kann man so als Leser erfahren, wie die jüdische Gemeinde in Deutschland stets gefühlt und gedacht hat. Ich persönlich fand diese Thematik sehr spannend.

Beim Lesen hatte ich das Gefühl in einen schnellen Sog hineingezogen zu werden. Tergit schreibt unglaublich flüssig und es lässt sich angenehm und leicht lesen. Dazu sind die Kapitel teilweise ziemlich kurz. Die Erzählperspektive nimmt praktisch in jedem neuen Kapitel eine andere Figur ein, sodass man gar nicht wirklich dazu kommt in einer Geschichte richtig länger zu verweilen, weil es ein ständiges hin und her ist. Dadurch passiert es leider, zumindest habe ich es so wahrgenommen, dass einige Personen nicht wirklich eine Charaktertiefe erhalten bzw. dass sie nicht wirklich ergreifbar erscheinen. Ein großer Schwachpunkt ist das für mich  – ehrlich gesagt. Doch je länger ich mit der Lektüre fertig bin und darüber nachdenke, umso mehr frage ich mich, ob dies nicht genau von der Autorin so beabsichtigt war. Vielleicht soll man sich gar nicht länger an einer Figur aufhalten.

Das, was inhaltlich erzählt wird (der ganze Fortschritt, politische und gesellschaftliche Entwicklungen,…) spiegelt sich somit auch auf der formalen Ebene des Romans durch die ständigen Wechsel und kurzen Kapitel wider. Ich finde dies wahnsinnig interessant gemacht und es hatte auf mich beim Lesen zweifellos einen Effekt.

Das Zentrum des Romans, weil man eben auch keine Figur hat, an die man sich längerfristig wirklich binden kann, stellt für mich somit Berlin Tiergarten da. Die Wohngegend, in der die Familien überwiegend leben und immer wieder während der Handlung zusammentreffen. Dort, wo auch die Autorin selbst wohnte. Man merkt dem Roman an, dass Tergit Berlin selbst aus der Westentasche kannte. Authentisch wird die Hauptstadt zu jeder Zeit beschrieben.

Und am Ende? Es steht ein Epilog, der Berlin 1948 zeigt. Neue Samen werden eingepflanzt von der ehemaligen Angestellten Frieda, aus denen Neues erwachsen wird.

„Jedesmal, wenn sie ein Samenkörnchen in die Erde steckte, hatte sie Zweifel, daß dies wirklich einmal etwas werden könne. Aber es wurde.“

(Seite 885)

Egal, so scheint es, wie groß die Katastrophe/Tragödie also demnach ist, das Leben nimmt seinen gewohnten Gang. Ob dies als Kritik oder als weltliche Feststellung zu begreifen ist, ist wohl jedem Leser schlussendlich selbst überlassen. Mich begleitet dieser kurze Abschnitt, seitdem ich mit dem Lesen fertig bin, immer noch…

Gabriele Tergit ordnet sich bestimmt in die Gesellschaftsromane ein und ich denke sogar, dass sie sich teilweise bewusst an den berühmten Roman über eine Lübecker Kaufmannsfamilie andockt. Diese Geschichte aber nur in dieser Reihe zu sehen, halte ich dennoch für falsch. Persönlich muss ich ehrlich sein: ich würde Manns „Buddenbrooks“ und Fontanes „Effi Briest“ immer vorziehen, aber Tergits Roman hat dafür andere Qualitäten. Die jüdische Sicht – ohne das Werk nur in einem jüdischen Kontext betrachten zu wollen – auf viele historische, gesellschaftliche und politische Ereignisse Deutschlands, halte ich für wichtig wie informativ und spannend. Wünschen würde ich mir, dass die Autorin und ihr Roman, für den sie sich so stark einsetzte und kämpfte, mehr Beachtung und Widerentdeckung erfährt.

Ich lege jedem diesen Roman, trotz seiner knapp 900 Seiten, an sein Bücherherz – und gerne auch bevor er (vielleicht) in einem Dreiteiler für einen TV-Sender verfilmt wird.

*Die verwendeten Buchzitate entstammen folgender Ausgabe (Foto): Gabriele Tergit: Effingers. BTB Verlag, 2020. 900 Seiten, 14€.

**Das Zitat seitens Thomas Mann habe ich folgendem Internetblog entnommen: https://theodorfontane.de/2017/12/11/thomas-mann-und-der-alte-fontane/

*** Die Fotoaufnahmen von Lübeck (Holsteiner Tor + Buddenbrookhaus) sind meine privaten Bilder.

(Alles unbezahlte Werbung)

Veröffentlicht von seitenknick

Ruhrpottmädchen. Zeilenverliebt. Lesend und schreibend unterwegs.

2 Kommentare zu „Hohen-Cremmen, Lübeck und Berlin. Rezension zu Gabiele Tergits „Effingers“.

  1. Die Romane über hanseatische Kaufmannsfamilien haben etwas. Hier mag ich auch ihre späteren Verfilmungen. Neunhundert Seiten sind allerdings schon ein ganz schön „dickes Brett“. Hochachtung für die Autorin, die es geschrieben hat.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
<span>%d</span> Bloggern gefällt das: